01.12.2006
Leise ertönte ein Klopfen, mitten in die Stille des Zimmers hinein. Sanft vermischten sich die leisen Schläge mit ihren tiefen, stillen Atemzügen. Doch so tief wie sie schlief, konnten sie nicht bis in ihre Träume vordringen. Nichts bekam sie mit. Vergebens stand er vor der Tür und horchte, doch keine Antwort ertönte. Kein müdes Gähnen, nichts…
Verunsichert stand er da. Was sollte er tun? Einfach hinein gehen? Oder wieder gehen? In seinem Kopf fand ein unermüdlicher Kampf zwischen Pro und Contra, Gut und Böse, Engelchen und Teufelchen statt. Er biss sich auf die Zunge. Der Schmerz holte seine Gedanken zurück. Zurück in den kalten Gang, zurück zur Tür, die vor ihm lag.
Und plötzlich packte ihn der Drang zu gehen, einfach so zu tun, als sei er nie hier gewesen. Zu sagen, er habe es vergessen und einfach wieder zurück zu gehen.
Doch nun stand er hier. So weit war er schon gekommen. Konnte er jetzt aufgeben? War es nicht unfair, dem Schicksal gegenüber, jetzt einfach aufzugeben? Freiwillig das Glück, das ihm bevorstand abzulehnen?
Nein, sagte er sich. Nein, ich gebe nicht auf! Ich werde zu ihr gehen. Jetzt. Hier. Und er ergriff den Türgriff und drückte ihn langsam herunter, schob die Tür auf, betrat das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Dann sah er sich um. Es war genauso dunkel wie vor der Tür, er konnte gerade so Konturen erkennen. Doch er hörte ihr leises, tiefes Atmen und wusste, sie lag in ihrem Bett und schlief. Vorsichtig, um ja kein lautes Geräusch zu machen schlich er in die Mitte des Zimmers und blieb stehen.
Mondlicht fiel durch das Fenster, zwar nur ganz schwach, jedoch gerade genug, dass er ihr Gesicht sehen konnte. Im fahlen Licht sah er ihre Augenhöhlen, ihre kleine spitze Nase und ihre Lippen.
Ihre Lippen! Diese wunderschönen, rosaroten Lippen. Wie oft hatte er sich schon vorgestellt, diese Lippen zu berühren, sie zu küssen. Er schüttelte sich. Er musste sich das nicht vorstellen. Entweder es würde heute Nacht passieren, oder er könnte aufhören es sich vorzustellen, sagte er sich. Doch in seinem Kopf ließ die Vorstellung nicht locker. Immer näher kam ihr leicht geöffneter Mund dem seinen und er spürte, wie ihre feinen Flaumhärchen an seiner Oberlippe kitzelten. Er musste die Augen schließen, er hätte es sonst nicht ausgehalten. Wie sich die Lippen langsam berührten und plötzlich tausende Tastnerven anfingen Silvester zu feiern und ein wahres Feuerwerk auf seiner Lippe abfeuerten. Seine Hände begannen zu zittern. Ihr Mund berührte seinen ganz sanft, aber trotzdem komplett und unvorstellbar intensiv.
Ein Gähnen riss ihn aus seinen Träumen. Plötzlich befand er sich wieder in seinem Körper und wusste wieder wer er war und wo er war. Er sah sie immer noch an. Und sie bewegte sich. Sie streckte sich und hatte die Augen leicht geöffnet.
„Hi.”, hauchte sie und flüsternd antwortete er: „Hi.”.
Mit schläfrigen, geöffneten Augen sah sie noch hübscher aus als mit geschlossenen. Er zog seine Jacke aus und legte sie über eine Stuhllehne.
„Na, hast du gut geschlafen?”, fragte er sie mit eine leichten Grinsen und setzte sich an ihre Bettkante, dicht neben ihren Körper, der irgendwo unter der Bettdecke versteckt lag.
„Bis jetzt ja.”, entgegnete sie lächelnd, schloss die Augen und legte den Kopf schräg auf ihr Kopfkissen.
Langsam hob er seine Hand und streichelte vorsichtig über ihren Kopf. Strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Sie lächelte zufrieden und glücklich.
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