Die alte Frau auf dem Markt
Ich will euch eine Beobachtung erzählen, die ich gerade gemacht habe:
In Bad Sobernheim ist jeden Donnerstag Wochenmarkt auf dem Marktplatz.
Und seit ich denken kann (:-D) hat dort eine ältere Frau einen Gemüsestand.
Diese Frau ist ein richtiger Oma-Typ. Fast schon Richtung Mrs. Doubtfire! Geblümtes Kleid, oder Rock, Strickpulli, weiße Schürze und graue Haare und überhaupt und sowieso, so wie die Omas in den Kinderbüchern.
Was genau sie ist, weiß ich nicht, wahrscheinlich Bäuerin, keine Ahnung ob ihr Bauersmann noch lebt. Oder ist sie bloß Angestellte für einen Bauer? Das wäre, wenn man ihr Alter bedenkt, schon merkwürdig.
Und seit ich mich erinnern kann (und früher war ich oft auf dem Markt) hat sie ihren Stand auf dem Marktplatz. Ich weiß nicht, ob viele Leute was bei ihre gekauft haben, es hat meistens echt nicht so ausgesehen, aber anscheinend ja schon, sonst würde sie ja nicht immer noch kommen...
Gerade eben bin ich mal kurz über den Markt gegangen, da war es schon (relativ) dunkel. Die größeren Stände und die Verkaufs-Anhänger bzw. Autos haben alle Lichter an, doch die Bauersfrau sitzt da, wie eh und je, auf ihrem Stühlchen hinter ihrem (Tapezier-?)Tisch, doch sie hat kein Licht. Sie sitzt im Dunkeln, nur spärlich beleuchtet vom trüben Lichtschein der anderen Stände.
Sie hat sich umgeschaut und interessiert die anderen Stände beobachtet, aber nicht neidisch oder kritisch, sondern sie hat sich einfach nur umgeschaut. So wie sie es wahrscheinlich tagsüber auch tut.
Irgendwie halte ich das wiedermal für ein Sinnbild unserer modernen Gesellschaft. Wie diese (einfache) Bauersfrau (mit ihrer "analogen" Kipp-Waage) dort inmitten der (durch Technik) beleuchteten modernen Stände sitzt. Sie wirkt resigniert, oder wie als würde sie das alles gar nicht verstehen (ähnlich kindlicher Begeisterung, für Dinge, die Kinder nicht verstehen)...
Mich hat das traurig gemacht. Vor allem die Tatsache, dass sie da im Dunkeln saß, zwischen den hell erleuchteten Ständen... Habe mit dem Gedanken gespielt, ihr symbolisch eine Kerze zu bringen.
Wenn sie in der Adventszeit immer noch so da sitzt werd ich das tun...
Einsamkeit/Masken – Für Thea
05.11.2006
Prasselnd fiel der Regen vor ihrem Fenster auf den Boden. Ins Dunkle. Das Fenster stand offen. Kalte Luft zog herein. Doch nichts, dachte sie, nichts konnte kälter sein als ihr Herz. Gefühllos starrte sie in die fernen grauen Wolkenschwaden und sie dachte nichts, und sie fühlte nichts.
Weit, weit entfernt von allen anderen Menschen fühlte sie sich. Auch wenn ihr andere Menschen redend und lachend begegneten, spürte sie nichts, nichts, außer der eigenen Unfähigkeit, andere Menschen zu lieben. Das war nicht immer so. Früher, damals, als sie noch ihre Familie und ihre Mutter hatte, da liebte sie. Und wurde geliebt.
Und nun war sie weit, weit entfernt von allen, die sie jemals liebte und die sie jemals liebten. Sie sehnte sich danach, von der Schule heimzukommen, ein leckeres Mittagessen von ihrer Mutter gekocht zu bekommen, gefragt zu werden, ob sie Hausaufgaben aufhätte und was sie sonst noch tun möchte. Sie sehnte sich danach, sich mit ihrem Bruder zu streiten, so wie es Geschwister untereinander tun, aus Liebe. Und sie sehnte sich nach der tiefen, vertrauten, freundlichen Stimme ihres Vaters, der immer für sie da gewesen war, wenn sie Sorgen hatte. Aber sie sehnte sich auch nach ihren Freunden. Denn auch Freunde lieben sich. Mal mehr, mal weniger.
Und hier war niemand, der sie fragte ob sie mit ihren Hausaufgaben alleine fertig wurde, hier war niemand der sie fragte, wie es ihr ginge, niemand der sie einfach so ohne einen großen Grund zu haben, in den Arm nähme.
Sie spürte ein kaltes Kribbeln auf ihrer Wange und wusste, dass es eine Träne sein musste. Doch in ihrer Emotionslosigkeit brachte sie es nicht fertig, mehr zu weinen. Die eine Träne blieb allein, fiel aufs Fensterbrett und wurde bald von einem Regentropfen mitgenommen.
Was sie nicht wusste, war, dass das nicht stimmte. Da war jemand, der sie liebte. Jemand dem es genauso ging, der sich auch danach sehnte, lieben zu dürfen und geliebt zu werden, so wie sie. Auch er wusste nicht, dass es ihr so erging wie ihm.
Beide konnten ihre wahren Gefühle nicht zeigen. Unter anderen Menschen waren sie immer fröhlich und niemand wäre auf die Idee gekommen, dass es den Beiden hinter ihrer Fassade so schlecht ging. Dabei war es noch nicht mal eine Fassade. Es war vielmehr ein anderes Ich. Eines, das besser geeignet war, um es den Menschen zu zeigen und mit ihnen zu leben. Diese Traurigkeit, die spürten sie nur, wenn sie richtig allein waren. Nachts, in ihren Betten, eingekuschelt in eine warme Bettdecke, die doch nicht die Wärme eines Menschen ersetzen konnte.
Doch leider, wusste sie nicht von ihm. Denn er kannte nur ihr fröhliches Ich und war unfähig zu glauben, dass es ihr so miserabel gehen könne. Er traute sich nicht, sie mit seiner Sehnsucht zu belästigen.
Hätte er es doch getan! Hätte er doch versucht hinter ihre Fassade zu schauen, hätte er seine Angst überwunden und wäre auf sie zugegangen. Dann hätten sie beide erfahren, dass sie nicht allein sind. Dann hätten sie sich lieben können. Nein, dann hätten sie sich geliebt. Und sie hätten ihre Sehnsucht begraben können, tief im Herzen des Anderen.
Doch leider, leider haben sie sich nie getroffen. Obwohl sie so nah beieinander waren, haben sie nie den Menschen unter der Fassade des Anderen kennen gelernt. Und so blieben sie ungeliebt. Ohne Liebe lebten sie ihr gefühlsloses Leben weiter.
