Kissing in the Rain

13.12.2005

Plötzlich hörte sie eine Stimme hinter sich. Sie drehte sich um und sah ihn hinter sich stehen. Auf einmal war sie wie gefesselt von seinem Anblick. Seine Haare waren durchnässt und von den einzelnen Strähnen an seiner Wange perlten Wassertropfen herunter.
Sie sah ihm in die Augen. Sie waren tiefblau, wie das Meer.
Er spürte ihren Blick auf seinem Gesicht. Jedoch schaute er weg. Er konnte sie nicht ansehen. Sie war so wunderschön. So unerreichbar für ihn. Wahrscheinlich machte sie sich in Gedanken gerade über ihn lustig.
Und doch standen sie so da und schauten sich an. Die Zeit floss an ihnen vorbei wie der Regen, der in unablässigen Strömen vom Himmel fiel.
Sie standen einfach nur da und schauten sich in die Augen.
Da sah sie eine Träne auf seiner Wange entlang rollen. Sie floss langsam an der Nase entlang und blieb an der Nasenspitze hängen. Der nächste Regentropfen nahm sie mit zu Boden. Er schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über sein Gesicht.
Mittlerweile waren sie beide durchnässt bis auf die Knochen. Sie trat einen Schritt näher zu ihm. Sie konnte die kleinen blonden Bartstoppeln an seinem Kinn sehen. Sie machte noch einen kleinen Schritt.
Sie war so nah, er konnte sie riechen. Sie roch wunderbar und unbeschreiblich: süß und blumig, aber nicht kitschig; intensiv, aber nicht aufdringlich. Er spürte ein Kribbeln, das langsam von seinem Bauch aus immer höher stieg. Er verstand es nicht. Warum kam sie so nah zu ihm?
Seine Lippen sahen rau aus. Aber trotzdem waren sie wunderschön. Vorsichtig strich sie mit ihrer Zungenspitze über ihre eigenen, die tropfnass vom Regen waren.
Er öffnete den Mund, wusste jedoch nicht, was er sagen sollte:
“Ich …”.
Sie legte ihren Zeigefinger auf ihre Lippen und kam mit ihrem Kopf noch näher an ihn heran. Er war größer als sie, also musste er seinen Kopf nach unten beugen um ihr weiterhin in die Augen sehen zu können. Ihre Arme schlangen sich um seinen Körper und drückten ihn ganz leicht an sie. Sein nasser Pullover wurde enger an ihn gepresst, aber das merkte er nicht.
Wie aus einem Instinkt heraus legte auch er seine Arme um ihre Taille und zog sie noch etwas enger an sich. Ihr rascher, warmer Atem stieg in kleinen Dampfwölkchen an seinem Gesicht vorbei. Er konnte ihre Brüste an seinem Bauch fühlen.
Es war ein wundervolles Gefühl, eng umschlungen im Regen zu stehen.
Sie öffnete ihren Mund ein wenig, als sie feststellte, dass sein Gesicht ihrem immer näher kam. Sie spürte seinen heißen Atem an ihrer Wange.
Ihre Lippen berührten sich. Zuerst nur ganz leicht, wie ein Haar, das einem im Gesicht hängt. Dann drückten sie ihre Lippen etwas fester aufeinander. Ihre Zungen berührten sich.
Sie schmeckte nach Erdbeere, er nach Pfefferminz.
Der Regen prasselte erbarmungslos weiter auf ihre Köpfe.

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1 Kommentare.

  1. “Der Regen prasselte erbarmungslos weiter auf ihre Köpfe doch sie spüren ihn nicht. Sie spüren ihr Herz, ihr eigenens und das des anderen schlagen. Sie schlagen unaufhaltsam das Blut durch die Adern bis in die kleinsten Äderchen der Lippen. Die Minuten vergehen und langsam kommt ein Gefühl von Kälte auf. Ein Geruch von Nässe sammelt sich in den eng aneinander liegenden Nasen. Es ist die Kälte und Erbarmungslosigkeit der Wirklichkeit welche den Moment zerstört. Irgendetwas läuft schief, läuft anders als es eigentlich laufen könnte… was es ist weiß keiner. Der Regen hört auf. Die Wolken weichen dem hellen Licht des Vollmondes und sie verschwindet so rasch wie sie gekommen war durch die mystisch erleuchtete Pforte eines verlassenen Torbogens.”

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