Drei Flaschen Cola

29.07.2008

Drinnen

Wie ein Engel stand sie am Tisch, die Arme aufgestützt über ein Buch gebeugt. Als er an der Tür vorbeiging und sah, dass sie ganz alleine dort stand, spürte er ein Gefühl im Herzen, das ihm die Luft wegnahm, denn er wusste, Momente wie dieser, in denen er sie alleine treffen konnte, waren selten. Wer weiß wann der nächste kommen würde. Er blieb stehen und beobachtete sie. Ihr helles blondes Haar erleuchtete den Raum. Sie kam ihm vor, wie eine leuchtende Kerze in einem dunklen Raum in der Abenddämmerung.

Sie hatte ihn nicht gehört, so vertieft war sie in das Buch, das auf dem Tisch lag. Er trat leise in den Raum und kam ihr näher. Als er fast bei ihr war, sah er dass ihre Haare noch ein wenig nass waren. Und dann konnte er ihren Duft riechen. Sie roch so wunderbar, die Mischung aus Shampoo, Duschgel und ihrem Parfüm waren für ihn das allerhöchste der Gerüche. Nun stand er hinter ihr und wusste nicht was er tun sollte. Sollte er etwas sagen? Sie hatte ihn anscheinend noch nicht bemerkt. Sollte er sie berühren? Durfte er das? Aber wie? Und wo? Sie massieren? Ihre zierlichen Schultern lagen direkt vor ihm. Sie mit dem Arm umgreifen und zärtlich zu sich ziehen? Seine Hand auf ihre legen? Er wusste nicht, was nun kommen würde. Er ließ sich einfach von seinem Herzen leiten und schaltete sein Gehirn ab.

Er trat dichter zu ihr und begann, mit seinen Fingern ganz sachte von ihrem Nacken aus, über die Schultern und ihre Arme zu streichen. Er hörte, wie sie bei der ersten Berührung erschreckt einatmete, doch dann sah er, dass sie die Augen schloss. Ob sie geahnt hatte, wer er war? Ob sie ihn doch gesehen hatte? Egal. Sie richtete sich auf, dass sein Oberkörper ihren Rücken berührte, und ihre Haare sein Gesicht kitzelten. Seine Finger waren an ihren Händen angelangt. Sanft strich er über ihre Finger und versuchte dann auf die Innenseite ihrer Hand zu gelangen. Sie drehte ihre Hände und ergriff seine Finger, seine Hand. Dann nahm sie seine Hände zu ihrem Bauch, so dass er sie umarmte. Er zog sie fest an sich und vergrub sein Gesicht in ihrer Schulter, in ihren Haaren. Er schloss die Augen und wollte diesen Moment für immer halten. Zu zweit allein. Dicht beisammen.


Brücke

Auf der Brücke wollten sie sich treffen. Abends. Sie stand schon da, im warmen Licht der untergehenden Sonne und blickte in die Ferne. Es war ein schöner Tag gewesen, der Himmel war vollkommen klar, die Luft warm und rein. Sie konnte viele Meilen weit sehen. Unter ihr lagen die Bahngleise und in der Ferne hörte sie einen Zug heranrauschen. Monotones Brummen und Surren aus den Fabriken in der Nähe war leise zu hören.

Er ging auf dem Fußweg neben den Bahngleisen zur Brücke hin. Als er aufschaute sah er sie, wie sie genau in Richtung der Sonne stand, die sie von hinten beleuchtete wie ein Theaterscheinwerfer. Er sah, wie die orangegelbe Sonne durch ihr Haar funkelte, dass im warmen, leichten Wind des Abends flatterte.

Er versuchte, dieses Bild wie eine Kamera für immer in sein Gedächtnis einzuprägen. Er winkte ihr zaghaft. Ob sie zurück gewunken hat, konnte er nicht sehen, die Sonne blendete ihn zu stark.

Wie sie so dastand, höher als er, mit der goldenen Scheibe im Hintergrund, erinnerte sie ihn an einen Engel. Nur die Flügel fehlten. Ihr schulterlanges blondes Haar. Ihr Lächeln, das er zwar nicht sehen, aber sich gut vorstellen konnte. Er fragte sich, ob der solch einem Engel würdig sei. Majestätisch wie sie dort oben am Brückengeländer stand und in ihrer gesamten Schönheit auf ihn herabblickte kam sie ihm unerreichbar vor.

Während er der Treppe näher kam, veränderte sich sein Blickwinkel, und als die Sonne nicht mehr hinter ihr stand und blendete, sah er, wie sie ihn anlachte und winkte.

Der Zug kam näher, man hörte sein Rauschen und das Sirren der Schienen immer lauter. Dann fuhr er vorbei. Der Windstoß von der rasanten Fahrt wirbelte ein wenig Staub auf, vor dem er sich schützte indem er sich den Arm vors Gesicht hielt. Als er den Arm wegnahm sah er ihren Rock ebenfalls im Fahrtwind flattern.

Er stieg die Treppe hinauf und ging zu ihr. Sie drehte sich vom Geländer weg und sah ihn direkt an. Ihre großen Augen glitzerten, als sie die Sonne reflektierten und er war wie gebannt von ihrem Anblick. Ohne zu denken kam er ihr näher, bis ihre Lippen sich berührten, in einem unglaublichen Kuss.


See

Während sie schon wieder am Ufer stand um sich von der Sonne trocknen zu lassen schwamm er noch eine Runde durch den See. Sie schaute ihm nach, während er dem anderen Ufer immer näher kam, drehte und wieder zurück schwamm.

Dann war auch er wieder zurück und kam aus dem Wasser, zu ihr. Sie sah bezaubernd aus, wie sie da stand, voll erleuchtet von der gelben Nachmittags-Sonne. Gelegentlich rollte ein Wassertropfen aus ihren nassen Haaren in ihr Dekolleté oder ihren Arm entlang.

Er schüttelte seinen Kopf wie ein Hund, mit vollster Absicht so, dass sie das meiste an Wasser abbekam. „Uuh, das is doch kalt!”, schrie sie, begann dann aber zu lachen. Sie gingen zu ihren Handtüchern, zogen sie aus dem Schatten in die Sonne und legten sich darauf. Er schloss die Augen und versuchte ihren Atem zu hören, doch das Plätschern des Sees und das Zwitschern der Vögel waren zu laut, er konnte sie nicht hören. Vorsichtig versuchte er, seinen Arm ein wenig weiter nach rechts zu legen, bis er an ihren stieß. Er war glücklich über jede Berührung mit ihr. Meistens ließ ihn sein mangelnder Mut zu lange zögern, und dann war die Gelegenheit vorbei. Doch jetzt hatte er genug Zeit. Kein Stress. Und niemand sonst war da. Niemand der sie beobachten und blöde Sprüche reißen konnte. Niemand der es nachher allen anderen erzählen würde.

Er fragte sich, ob die diese zaghafte Berührung auch spürte, oder ob sie so gedankenversunken in der Sonne lag, dass sie nichts mitbekam. Immerhin wich sie ihm nicht aus, indem sie ihren Arm wegnahm, oder wegrutschte. Nach einer Zeit wollte er ihr näher sein. Er überlegte. Dann drehte er sich auf den Bauch und versuchte seinen Kopf auf seinen Armen gemütlich hinzulegen. Dies gelang ihm (mit Absicht) erst nach vielen Versuchen, indem er den Kopf weit nach links auf die Arme legte, die ihre Schultern natürlich ein klein wenig berührten und den Kopf in ihre Richtung drehte. Sie lag währenddessen still mit geschlossenen Augen da und schien sich daran nicht zu stören. Er schloss die Augen wieder, ihre sonnenumhüllte Silhouette in seinen Kopf eingebrannt.

Kurz darauf spürte er, wie sie sich ebenfalls bewegte. Gespannt wartete er, bis sie wieder still lag und öffnete leicht die Augen, um zu sehen, wie sie sich hingelegt hatte. Und siehe da, sie lag genauso wie er auf dem Bauch und blickte ihn mit ihren großen Augen direkt an.

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